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Ein kultureller Leuchtturm für Mestre

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Geplant von Berliner Architekten eröffnet ein neues Museum. Es soll mehr Touristen in die Industriestadt locken, die im Schatten Venedigs steht

Drei riesige Kreuzfahrtschiffe lagen am Wochenende in Venedig vor Anker und machten nachts mit voller Bordbeleuchtung auf sich aufmerksam. Ein weiteres Kreuzfahrtschiff lag in Porto Marghera, dem Wirtschaftshafen am Festland, und strahlte nicht – es liegt in der dortigen Werft des Staatskonzerns „Fincantieri“ auf Kiel, ein 135000-Tonner für den chinesischen Markt.

Das zufällige Zusammentreffen aller vier Schiffe spiegelt sehr schön die Situation wieder, die zwischen Venedig und dem landseitigen Teil der Gemeinde herrscht, der Stadt Mestre mit ihrem vorgelagerten Hafen Marghera. Nach Venedig kommen die Touristen, in Mestre werden Dienstleistungen bereitgestellt. Vor allem in Gestalt der Menschen, die in Venedigs Tourismusbetrieben tätig sind: Sie wohnen zum allergrößten Teil auf dem Festland. Inzwischen leben vier Fünftel der knapp 270000 Einwohner der Gesamtgemeinde Venedig in Mestre.

Das Architekturbüro kommt aus Berlin

Und doch kennt kaum ein Tourist die „hässliche Schwester“ Venedigs, das erst 1929 eingemeindete Mestre. Das soll sich ändern. Bereits jetzt ändert sich, dass Mestre kein nennenswertes Kulturangebot hat und die Einheimischen stattdessen ins überfüllte Venedig fahren müssen. Denn am Wochenende wurde das Museum „M9“ eingeweiht, ein Museum des „Novecento“, das auf Italienisch für das 20. Jahrhundert steht. Den Gebäudekomplex in der Altstadt von Mestre nahe dem langgestreckten Hauptplatz hat das Berliner Architekturbüro Sauerbruch Hutton entworfen. In Berlin ist das frühere GSW-Hochhaus an der Kreuzberger Rudi-Dutschke- Straße sein Markenzeichen.

Es entstand eine völlig neue Fußgängerverbindung

Das Museum in Mestre mit seinen rund 25000 Quadratmetern Bruttogrundfläche ist Teil einer 110-Millionen-Euro-Investition der „Fondazione Venezia“, der von der örtlichen Sparkasse alimentierten Stiftung für Kultur und Stadtentwicklung. Ein bis vor wenigen Jahren vom Militär genutztes Gelände in bester Innenstadtlage wurde teils freigeräumt und mit dem schiffsbugartig zulaufenden Museumsgebäude sowie Nebengebäuden für Shop und Verwaltung bebaut, teils wurden ein einstiges Kloster aus dem 16. Jahrhundert für Laden- und Büronutzung saniert und sein Innenhof überdacht. Sauerbruch Hutton schufen eine völlig neue Fußgängerverbindung durch das Gelände hinweg zwischen dem Hauptplatz der Stadt und einer belebten und Einkaufsstraße im Süden. Dieser Grundidee verdanken die Architekten ihren Wettbewerbsgewinn von 2010. Öffentliches Bauen ist auch in Italien ein langwieriger Prozess.

In der interaktiven Installation geht es auch um Migration

Zur Eröffnung am Samstagmittag hatten sich der italienische Kulturminister Alberto Bonisoli und die Senatspräsidentin Maria Casellati, eine Anwältin aus dem nahen Padua, angesagt. Entsprechend war der Auftrieb an lokaler Prominenz, angeführt vom leutseligen Bürgermeister Venedigs, Luigi Brugnaro. Der Minister, ein Universitätsmanager aus Mailand und von „Cinque Stelle“ nominiert, wie auch der Bürgermeister, ein Geschäftsmann und als Kandidat einer lokalen Mitte-Rechts-Koalition 2015 ins Amt gewählt, betonten den ökonomischen Charakter der Kulturinvestition Museum. Das Haus, das auf zwei seiner drei Etagen eine eindrucksvolle, interaktive Installation zur Geschichte Italiens im 20. Jahrhundert zeigt und Historie anhand von Filmausschnitten, Bildern, Grafiken und Dokumenten erzählt, richtet sich vorwiegend an die einheimischen Bürger – und vor allem die Jugend, die mit dem technischen Apparat dieser Bilderflut bestens umgehen kann. Eines der acht Ausstellungskapitel ist mit „Wer wir sind“ überschrieben. Es geht um Identität und wie sie in der heutigen Zeit geschaffen werden kann. Integration ist gerade auch in Mestre ein Thema, wo die Berufstätigen aus aller Herren Länder wohnen, die in der Lagunenstadt Venedig als Dienstleister die Touristen umsorgen.

Der neue kulturelle Leuchtturm der Stadt

Tourismus ist auch für Mestre selbst ein Ziel. Bürgermeister Brugnaro wandte sich in seiner Ansprache, die eher einem Wahlkampfauftritt glich, gegen die Kritiker der Kreuzfahrtschiffe. Man dürfe den Hafen Marghera „nicht blockieren“. Er wolle nur, dass auch Mestre vom Tourismus profitiert. Nach dem Niedergang der Ölindustrie in Marghera braucht es neue Arbeitsplätze, und so gilt der derzeitige, massive Ausbau der Hotelkapazitäten in der Nähe des Bahnhofs von Mestre – zehn Minuten Fahrzeit von Venedig entfernt – als Signal. Auch die Biennalen, die Venedig in mittlerweile fünf kulturellen Sparten ausrichtet, sollen eine Zweigstelle in Mestre aufmachen. Das sehr schöne Auditorium im spitzwinkligen Bug des Museumsgebäudes von „M9“ wurde bereits vor der Eröffnung zum Kinosaal umgestaltet, um den Filmfestspielen von Venedig als zusätzliche Abspielstätte zu dienen.

Seit Sonntag drängen sich erst einmal die Bürger von Mestre im neuen Leuchtturm der „urbanen Erneuerung“. Mit seinen Fassaden aus Keramikstreifen in einem sehr venezianischen Spektrum von Hellbraun bis Rot leuchtet das Haus in eine Stadt hinein, die nicht länger nur eine „hässliche Schwester“ sein will. Venedig ist näher, als man denkt – aber das gilt in beiden Richtungen.

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