Wirtschaft

„Etikettenschwindel“ bei Strom aus erneuerbaren Energien?

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Grünstrom-Anbieter Lichtblick wirft anderen Versorgern Verbrauchertäuschung vor – und bringt sie damit auf die Palme. Zwischen realem Einkauf und ausgewiesenem Mix liegen oft Welten.

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BERLIN – In regelmäßigen Abständen nimmt der Grünstromanbieter Lichtblick die gesetzliche Stromkennzeichnung ins Visier, mittels derer Anbieter die Zusammensetzung ihres Stroms angeben müssen. Das Gesetz will, dass die Stromanbieter einen hohen Anteil virtuellen, allgemein über die EEG-Umlage geforderten Stroms aus erneuerbaren Energien in ihre Stromkennzeichnung einrechnen, den sie gar nicht eingekauft haben. Effekt: Selbst Versorger, deren Strom größtenteils aus Kohlekraftwerken kommt, erscheinen durch die zusätzlichen Ökostrom-Prozente klimafreundlich.

In diesem Jahr hat Lichtblick nach eigenen Angaben erstmals alle deutschen Energieunternehmen daraufhin analysiert, wie sich der in der Stromkennzeichnung – inklusive des virtuellen EEG-Stroms – ausgewiesene Mix vom tatsächlichen Einkauf der Unternehmen unterscheidet. Die Ergebnisse sind ernüchternd: Während bei vielen Versorgern der Anteil des virtuellen EEG-Stroms jenseits der 50 Prozent liegt, macht in der Realität bei 30 Prozent der Firmen Strom aus erneuerbaren Energien nur fünf Prozent der am Markt eingekauften Energie aus.

Wir haben die Lichtblick-Ergebnisse für einige Versorger der Region abgeklopft. Und in der Tat zeigen sich auch hier mitunter große Diskrepanzen. Unser Check ergab, dass die von Lichtblick errechneten Werte mit den Angaben der Anbieter in der Regel übereinstimmen, von Rundungsdifferenzen abgesehen. Beispiel Elektrizitätswerke Rheinhessen (EWR). „Die Dimensionen stimmen“, erklärte ein EWR-Sprecher zu den Lichtblickangaben. Demnach weist die EWR AG in ihrer Stromkennzeichnung einen Anteil an erneuerbaren Energien am gesamten verkauften Strom von 65 Prozent aus. Davon entfallen 50 Prozent auf den virtuellen EEG-Strom. In der Einkaufbilanz des Unternehmens machen Sonne- und Windenergie indes den Erhebungen zufolge rund 30 Prozent aus.

Beispiel GGEW: Das Unternehmen kommt dank 53 Prozent EEG-Strom im Gesamtmix der Stromkennzeichnung auf eine Erneuerbare-Energien-Quote von 55 Prozent. Im tatsächlichen Einkauf machen Wind und Sonne aber nur fünf Prozent aus. Bei der Mainova stehen 39 Prozent Grünstrom in der Einkaufsbilanz 71 Prozent erneuerbare Energien in der Stromkennzeichnung gegenüber. Die Wiesbadener ESWE hat bereits im reinen Einkauf einen Ökostromanteil von 52 Prozent. Im Gesamtmix der Stromkennzeichnung kommt das Unternehmen auf 77 Prozent erneuerbaren Stroms. Der virtuelle EEG-Anteil beträgt hier 52 Prozent. Bei der Darmstädter Entega liegt der Grünstromanteil bereits in der reinen Einkaufsbilanz bei 82 Prozent. In der Stromkennzeichnung kommt man inklusive des EEG-Anteils auf rund 90 Prozent Ökostrom.

Die EAM Energie GmbH kauft sogar zu 100 Prozent Grünstrom ein. Bei der ENWAG Energie- und Wassergesellschaft in Wetzlar sind es im reinen Einkauf nur sieben Prozent. Die Stromkennzeichnung weist demgegenüber einen Anteil erneuerbaren Stroms von 56 Prozent aus, was wiederum auf die 53 Prozent virtuellen EEG-Stroms zurückzuführen ist. Die Stadtwerke Gießen kommen in der Einkaufsbilanz für ihr gesamtes Stromangebot auf einen Erneuerbaren-Anteil von 15 Prozent. Die Stromkennzeichnung weist demgegenüber einen grünen Anteil von 57 Prozent aus.

Lichtblick wirft Versorgern mit einer großen Diskrepanz „Etikettenschwindel“ vor. Das bringt wiederum die Anbieter auf die Palme. Die Vorwürfe von Lichtblick seien weder nachvollziehbar noch haltbar, heißt es beim Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft. „Für die Stromkennzeichnung gelten klare gesetzliche Vorgaben, an die sich alle Unternehmen halten müssen. Dementsprechend machen die Energieversorger ihren Energiemix gegenüber ihren Kunden transparent: Sie weisen die Anteile der einzelnen Energieträger – auch den EEG-geförderten Erneuerbaren-Anteil – aus“, so der Verband. Dass Lichtblick einzelne Firmen unter Beschuss nehme, „deutet darauf hin, dass man sich selber Vorteile im Wettbewerb sichern will“.

Die Stadtwerke Gießen und die Wiesbadener Eswe kritisieren zudem, dass sich Lichtblick nur den Gesamtmix angeschaut habe. So würden auch Lieferungen an Industrieunternehmen größere Betriebe berücksichtigt, die „in aller Regel keinen Grünstrom verlangen“, heißt es in Gießen. Bei einem speziellen Grünstrom-Produkt der Stadtwerke würden demgegenüber 100 Prozent der gelieferten Menge „atom- und kohlefrei beschafft beziehungsweise selbst erzeugt“. Auch die Eswe verweist auf eigene Angebote mit 100 Prozent Ökostrom.

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