Deutschland

Merkel und mehr – Politik beim Kirchentag

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Der Kirchentag ist ein Christentreffen in Zeiten der gesellschaftlichen Krise. Für Merkel wird er ein Abschied, für alle Politiker eine Bühne. Aus Dortmund Leonie von Hammerstein und Christoph Strack.

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Am Schluss wirkt es wie die Begeisterung für einen Popstar. Da stehen die Menschen beim Evangelischen Kirchentag in der überfüllten Dortmunder Westfalenhalle und hören nicht auf zu klatschen. Und Bundeskanzlerin Angela Merkel steht auf der Bühne und winkt. Sie lächelt und wirkt ein wenig verlegen und geschlaucht vom mühsamen EU-Gipfel in Brüssel.

Es ist der letzte Auftritt von Angela Merkel als Bundeskanzlerin bei einem solchen Großtreffen der Evangelischen Kirche in Deutschland. Seit die bald 65-jährige Pastorentochter 2005 Kanzlerin wurde, nahm sie an fast jedem Kirchen- und Katholikentag teil. Abschied liegt manchmal in der Luft. Einige ihrer Worte klingen wie Vermächtnis.

Wenn sie, wieder einmal, die Jugend anspricht, an die dunkle deutsche Geschichte der Shoa erinnert: “Bald wird es keine Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs mehr geben. Dann wird die Verantwortung bei denen liegen, die das nicht erlebt haben.” Und sie greift das Kirchentags-Motto “Was für ein Vertrauen” auf: “Ohne Vertrauen als Grundlage kann internationale Politik nicht gelingen.”

“Internationale Politik gelingt nicht ohne Vertrauen”- Angela Merkel beim Kirchentag

Die Kanzlerin wirbt für Dialog in der Politik, Multilateralismus und “die innere Bereitschaft, immer wieder neu anzufangen”. Eine der wichtigsten Politikerinnen Afrikas formuliert für sie einen vorgezogenen Nachruf. Merkel, sagt die Friedensnobelpreisträgerin und ehemalige liberianische Präsidentin Ellen Johnson Sirleaf, sei die “Vorreiterin” für multilaterale Zusammenarbeit. “Sie sind so weit gekommen – Sie dürfen jetzt nicht aufhören.” Schon da unterbrechen Standing Ovations die Diskussion. Und Merkel scheint angerührt.

Wider die Spaltung der Gesellschaft

Die großen Christentreffen sind in Deutschland immer auch eine Begegnung der Teilnehmer mit der sogenannten großen Politik. An den fünf Tagen in Dortmund gibt es 80.000 Dauerteilnehmer, an diesem Samstag gewiss noch viele Tausend mehr. Zeit für Selfies oder Autogramme, aber auch für die große Debatte oder den schreienden Störer. Die Veranstalter haben Spitzenkräfte der Unionsparteien, der SPD und der Grünen eingeladen, wenige Linke und Liberale, und in diesem Jahr niemanden von der AfD. Gekommen sind fast alle SPD-Bundesminister, kaum welche von CDU und CSU.

Inhaltlich setzt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den Akzent. Er ruft zu ehrlichen Debatten und Engagement auf angesichts massiver Gesellschaftsprobleme: Klimakrise, Antisemitismus, Rechtsradikalismus, Fremdenhass, Digitalisierung und Politiker-Bashing im Netz. Steinmeier wie auch Merkel äußern ihre Bestürzung über den Mord an CDU-Politiker Walter Lübcke. Die mutmaßlich rechtsextreme Tat und die Reaktionen aus dem rechtspopulistischen Lager sorgen dafür, dass die Nicht-Einladung der AfD weitgehend begrüßt wird.

Streit um Konservativismus

Diese Spaltung der Gesellschaft thematisieren am Samstag die Ministerpräsidenten von Bayern und Baden-Württemberg, der Protestant Markus Söder (CSU) und der Katholik Winfried Kretschmann (Grüne), auf einem Podium mit drei Vertretern der Wissenschaft. Ein ernstes, spannendes, manchmal auch philosophisches Gespräch. Beide Politiker schildern, wie sie bei Klima- oder Flüchtlingspolitik um Regelungen und den Zusammenhalt der Gesellschaft ringen.

Heiß ist es am Samstag in Dortmund – Teilnehmer des Evangelischen Kirchentags schützen sich vor der Sonne

Kirchentagspräsident Hans Leyendecker und der prononciert konservative Mainzer Historiker Andreas Rödder brechen die Lanze für Konservativismus. “Konservativ hat nichts zu tun mit rechtsextrem oder rechtsradikal”, sagt Leyendecker. Rödder meint, das “Grundproblem der politischen Kultur in Deutschland” sei eine “moralische Ausgrenzung, die zugleich das Eigene verabsolutiert”. Dass er als Beispiel dafür die Fridays-for-Future-Bewegung anführt, kommt nicht gut an bei den Mitstreitern und in der Halle.

Mehr Zustimmung erntet, dass die Politiker von “völkischen” und “nationalistischen” Zügen der AfD sprechen. Riddering schildert aus seiner Sicht die “Selbstradikalisierung” des Alexander Gauland. Der sei einst doch ein moderater und kluger Konservativer gewesen. Dieser Streit um Konservativismus, um Bewahren und Verändern tut dem Kirchentag gut.

Diese Treffen haben oft Antrieb für gesellschaftliche Prozesse gegeben, sei es beim Protest gegen Aufrüstung oder bei der Lösung der globalen Schuldenkrise. Dieses Jahr sind die jungen Stars die Fridays-for-Future-Jugendlichen, die auf mehr Podien auftauchen, als im Programm vorgesehen ist, und die brav und bestimmt ihre Ungeduld formulieren. Danach wirkt dann auch eine Bundesumweltministerin Svenja Schulze, die ziemlich mutig ein kräftiges Klimaschutzgesetz bis zum Jahresende ankündigt, auf dem Podium wie eine Defensivspielerin.

Merkel. Und Habeck

Und dann der letzte Auftritt der Kanzlerin Merkel. Weder Annegret Kramp-Karrenbauer noch Friedrich Merz noch Jens Spahn reden in Dortmund. Oha. Aber Robert Habeck, der Grüne mit der höchsten medialen Aufmerksamkeit.

Glaubensfragen auf dem Roten Sofa – Robert Habeck mit Moderatorin Claudia Dinges

Schon am Vortag sitzt er 30 Minuten auf dem Roten Sofa vor der Westfalenhalle. Das ist Bühne pur. Ein Promi nach dem anderen nimmt dort Platz, ein Journalist fragt plaudernd-ernst, und Zaungäste und Flaneure suchen Platz und lauschen. Habecks Gesprächspartnerin will wissen, ob er – bevor er Bundeskanzler werde – Einkehr halte, ins Kloster gehe. Der 48-Jährige stockt, reagiert fast verärgert. “Dieses boulevardeske haben-Se-nicht-Lust-Kanzler-zu-werden verkennt ja, worum es da geht”, sagt er. Und spricht von den Gefährdungen der Gesellschaft, von Systemkrisen, der Spaltung, der dramatischen Weltlage. “Die Frage nach Kanzlerkandidatur wird dann beantwortet, wenn sie sich stellt.”

Habeck, der sich selbst als säkularen Christen bezeichnet, erzählt von Sinn und Suche. Dass er vor Jahrzehnten schon Augustinus gelesen habe und Franz von Assisi, auch andere große Autoren der Kirchengeschichte. Was er zu Glaube sage, fragt die Moderatorin zum Schluss. “Ich glaube daran, dass Glaube Berge versetzen kann.”

So hat es übrigens bei Merkel auch mal angefangen auf dem Kirchentag. Und bei Habeck stehen mehr Neugierige als knapp zwei Stunden zuvor bei Margot Käßmann, “dem” weiblichen Gesicht der evangelischen Kirche. Mehr Zuhörer als bei Käßmann – das hat man selten bei einem Kirchentag.

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