Wirtschaft

Opel-Versammlung: Pfiffe, Buh-Rufe und Applaus

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Das Management wirbt bei der Rüsselsheimer Belegschaft für den Sanierungsplan – und stößt auf Widerstand, aber auch auf Zustimmung. Bei der Elektromobilität drückt Opel aufs Tempo.

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RÜSSELSHEIM – Das Opel-Management muss derzeit für die Sanierung des Autobauers unter dem Dach von PSA viel Kritik einstecken, auch aus der Belegschaft. Doch wie wäre es dem Unternehmen ergangen, wenn es bei General Motors geblieben wäre? Die Ex-Mutter legt ein radikales Sparprogramm auf, dem in Nordamerika Berichten zufolge bis zu 15.000 Stellen zum Opfer fallen werden. Um Opel in der gegenwärtigen Situation loszuwerden, hätte GM auch nicht davor zurückgeschreckt, die Rüsselsheimer Tochter gegen die Wand fahren zu lassen, ist in Managementkreisen zu hören.

Dennoch: Wenn Opel-Chef Michael Lohscheller derzeit bei Mitarbeiterzusammenkünften spricht, ist das für ihn ein schwerer Gang. So auch an diesem Donnerstagmorgen. Das Foyer des Adam-Opel-Hauses in Rüsselsheim ist brechend voll. Auch auf den Fluren der einzelnen Stockwerke, von denen man in das große Foyer schauen kann, stehen die Beschäftigten dicht an dicht. Geschätzt sind es um die 1000.

„Wir nehmen Ihren Protest zur Kenntnis“

Lohscheller wirbt leidenschaftlich für den Sanierungsplan Pace (deutsche: Tempo). „Der Dialog mit Ihnen ist uns sehr wichtig, geben Sie uns die Chance“, appelliert er. „Dialog? Was für ein Dialog?“, ruft einer dazwischen. Lohscheller lässt sich nicht beirren. „Opel ist nach 20 Jahren erstmals wieder profitabel. Pace funktioniert!“ Pfiffe und Buh-Rufe. Aber die meisten hören erst einmal nur zu. Der Chef fährt fort: „Nur wer Gewinne erzielt, kann investieren. Und wir investieren in unsere Werke, auch in Rüsselsheim.“

Elektroautos: Opel drückt aufs Tempo

Opel drückt bei der Elektromobilität aufs Tempo. 2020 bietet der Autobauer zwei weitere Elektrovarianten an: beim Transporter Vivaro und beim Nachfolger des Mokka X. Das kündigte Chef Michael Lohscheller am Mittwochabend auf einer Veranstaltung in Mainz an. „Wir treiben die Elektrifizierung unseres Portfolios konsequent voran“, so Lohscheller. Bereits im ersten Halbjahr 2019 werden zwei andere Opel-Stromer für die Bestellung freigegeben: der neue Corsa als reine Batterie-Variante sowie das SUV Grandland X als Plug-in-Hybrid. Den Corsa will Lohscheller als „echtes Volkselektroauto“ positionieren.

Der Stammsitz brauche eine Plattform, auf der auch Elektrovarianten gebaut werden können. „Wir arbeiten mit Hochdruck daran“. Fast schon trotzig wiederholt er: „Auch wenn Sie es nicht mögen: Pace funktioniert!“ Die Pfiffe sind leiser und weniger geworden, es gibt zaghaften Applaus. Den schwersten Gang an diesem Tag hat Personalchefin Anke Felder. Als sie die Bühne betrifft, empfangen sie lautstarke Pfiffe und Buh-Rufe. „Wir nehmen ihren Protest zur Kenntnis“, sagt sie sichtlich angespannt. Und fährt fort: „Wir sind mit den Sozialpartnern im Gespräch.“ Vereinzelt sind „Lüge“-Zwischenrufe zu hören.

Appell an die betroffenen Mitarbeiter

Da hilft es auch nicht, dass zuvor Entwicklungschef Christian Müller eindringlich für den Deal mit dem Ingenieurdienstleister Segula geworben hat, der Teile des Rüsselsheimer Entwicklungszentrums mit rund 2000 Mitarbeitern übernimmt. Der stark wachsende Markt für Entwicklungsdienstleistungen auch in anderen Industriebereichen biete die große Chance, die Arbeitsplätze der wechselnden Beschäftigten zu sichern. Vereinzelt Buh- und Zwischenrufe. „Wir müssen uns der Realität stellen“, fuhr Müller fort und verwies auf die Überkapazitäten in Rüsselsheim, da die Aufträge der bisherigen Mutter GM auslaufen. Er schloss mit einem Appell an die betroffenen Mitarbeiter des Entwicklungszentrums, die dem Vernehmen nach von einem Wechsel nur wenig halten: „Öffnen Sie sich!“

Am Ende ist wieder Lohscheller an der Reihe und balanciert zwischen Lob und Ansporn. „Es ist noch nicht alles perfekt, aber wir machen Fortschritte“, die Qualität sei bereits gut, „wir können aber noch besser werden“. Er sieht das Unternehmen mit der Elektrostrategie auf dem richtigen Kurs, die immer härter werdenden Umweltvorgaben der Europäischen Union einzuhalten. Opel bringe mit dem Elektro-Corsa eine „Elektroauto für viele“ und bis 2020 insgesamt vier Stromer-Modelle. „Wir treiben die Elektrifizierung unseres Portfolios konsequent voran.“ Die Mitarbeiter quittieren das mit verhaltenem Applaus.

„Wir werden die CO2-Hürde schaffen”

Bereits am Mittwochabend zeigte sich Lohscheller vor Journalisten in Mainz mit Blick auf die EU-Vorgaben zuversichtlich. „Wir werden die CO2-Hürde schaffen“, sagte er. Dazu beitragen sollen vier neue Elektromodelle, die in den Jahren 2019 und 2020 auf den Markt kommen sollen. Den Anfang macht der in Eisenach montierte SUV Grandland X mit einer Hybridversion, der wie der neue vollelektrische Kleinwagen Corsa bereits vom zweiten Quartal 2019 an bestellbar sein werde. Auch die Neuauflagen des kleinen SUV Mokka und des Transporters Vivaro soll es in vollelektrischen Batterieversionen geben. Bis 2024 will Opel für seine gesamte Modellpalette Elektroversionen anbieten können. „Sprich: In ausnahmslos jeder Baureihe werden wir neben auch einen Hybrid oder ein vollelektrisches Fahrzeug anbieten“, so der Opel-Chef.

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