Gesundheit

„Was einmal in der Umwelt ist, kommt wieder zu uns zurück“

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Mikroplastik gibt es mittlerweile überall in der Natur. Manche Organismen beeinträchtigt das anscheinend nicht, anderen hingegen schadet es. Viele befürchten gesundheitliche Folgen auch für Menschen. 0

Österreichische Wissenschaftler haben in einem Pilotprojekt erstmals Mikroplastik im menschlichen Stuhl gefunden. Ob diese Teilchen den Stoffwechsel der Menschen beeinflussen oder sogar Krankheiten auslösen können, ist nicht geklärt. Christiane Zarfl, Juniorprofessorin für Umweltsystemanalyse an der Universität Tübingen, ordnet die neuen Erkenntnisse ein.

WELT: Seit wann weiß man, dass Mikroplastik in der Umwelt ein Problem ist?

Christiane Zarfl: Das Thema kam Anfang der 2000er auf. Da hat man zunächst einmal beobachtet, dass sich Mikroplastik an Stränden im Sand befindet. Dass man sich aber mit den Effekten auseinandergesetzt hat, begann etwa mit der Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie im Jahr 2008. Inzwischen gibt es relativ viele Einzelstudien, allerdings vorwiegend zu aquatischen Organismen, also Lebewesen aus dem Wasser. Dass man auch an terrestrischen Organismen forscht, fängt erst jetzt so langsam an.

WELT: Und warum beginnt man erst jetzt, sich mit möglichen Folgen für den Menschen zu beschäftigen?

Zarfl: Das musste sich in der Forschung erst mal entwickeln. Man hat sich anfangs auf den marinen Bereich konzentriert, weil man Mikroplastik dort eben zum ersten Mal in großen Mengen gefunden hat. Dann hat man festgestellt, dass es sich nicht nur im Meer, sondern auch in Fließgewässern befindet. Und dann, dass es sich in Lebensmitteln befindet, die der Mensch zu sich nimmt – zum Beispiel in Fisch. Da stellte sich natürlich die Frage: Landet dieses Plastik auch im Menschen? Und das war der Auslöser, zu schauen, welche Effekte das haben könnte. Man weiß aber leider noch nicht viel.

WELT: Nun haben Forscher erstmals Mikroplastik im menschlichen Stuhl gefunden. Müssen wir uns jetzt Sorgen machen?

Zarfl: Das ist auf jeden Fall eine interessante Beobachtung, die man weiterverfolgen sollte. Was einmal in der Umwelt ist, kommt wieder zu uns zurück. Aber man sollte die Ergebnisse auch nicht überbewerten und in Hysterie verfallen. Man weiß noch überhaupt nicht, was das für die menschliche Gesundheit bedeutet.

WELT: Wie kann das sein? Warum dauert die Forschung dazu so lange?

Zarfl: Es gibt eine große Bandbreite an verschiedenen Kunststoffen. Und dazu kommt noch, dass die einzelnen Teilchen ganz unterschiedliche Formen und Größen haben. Man erforscht also nicht ein Molekül, sondern viele. Das macht es schwer. Im Moment ist die Wissenschaft damit beschäftigt, Standards zu entwickeln und erst mal zu definieren, was Mikroplastik genau ist. Bisher gibt es noch nicht mal eine Definition für die Größe der Teilchen. Viele sagen: Mikroplastik ist alles, was bis zu fünf Millimeter groß ist. Aber Konsens ist das noch nicht.

WELT: Hat man denn in früheren Studien schon andere Hinweise auf Plastik im menschlichen Körper gefunden?

Zarfl: Es gibt Studien, die zeigen, dass Schadstoffe im Körper vorkommen, die aus Kunststoffen stammen können – zum Beispiel Weichmacher und Bisphenol A, abgekürzt BPA. Aber diese Stoffe kommen nicht nur in Plastik vor. Inwiefern also wirklich Plastik die Ursache dafür ist, dass BPA im menschlichen Blut gefunden wird, ist nicht ganz sicher.

WELT: Könnte es sein, dass durch das Mikroplastik, das Menschen ja zumindest im Darm zu haben scheinen, Schadstoffe wie BPA vermehrt ins Blut gelangen?

Zarfl: Das könnte sein, ja. Es könnte aber auch genau andersrum sein.

WELT: Wie denn das?

Zarfl: Es gibt erste Untersuchungen, die herausfinden wollen, ob sich bereits im Körper vorhandene Schadstoffe an das Plastik binden und dann gemeinsam mit den Plastikteilchen ausgeschieden werden.

WELT: Es wurden auch Versuche mit Wattwürmern und Muscheln gemacht, die Mikroplastik in sich hatten. Die Wattwürmer haben das verschluckte Plastik einfach wieder ausgeschieden, Muscheln haben Entzündungen entwickelt. Welches Szenario ist für den Menschen wahrscheinlicher?

Zarfl: Das ist noch nicht klar. Diese widersprüchlichen Ergebnisse bei Muscheln und Wattwürmern haben aber natürlich allerlei Fragen aufgeworfen. Je nach Organismus scheint Mikroplastik ganz unterschiedliche Effekte zu haben. Ob Mikroplastik die inneren Organe von Menschen verletzen kann oder womöglich durch die Magenwand ins Blut übergehen könnte, dazu gibt es noch keine Erkenntnisse. Das sind bisher nur Hypothesen, die wir überprüfen müssen.

WELT: Auf welchem Weg kommt Plastik eigentlich in den Körper?

Zarfl: Menschen nehmen es wahrscheinlich vor allem über die Nahrungskette auf. Ob der Verzehr von Fisch tatsächlich Mikroplastik in den menschlichen Körper einbringt, ist noch nicht sicher. Wenn wir Muscheln essen, kann das aber auf jeden Fall sein. Bei Muscheln wurde Mikroplastik im kompletten Muskelgewebe nachgewiesen, bei Fischen bisher nur im Magen. Dann gibt es Mikroplastik in der Luft, die wir einatmen. Im Leitungswasser in Deutschland wurde Mikroplastik noch nicht umfassend nachgewiesen.

WELT: Was kann man tun, wenn man sicherheitshalber kein Mikroplastik aufnehmen will?

Zarfl: Eventuell könnten Plastikverpackungen eine Rolle spielen. Wer sich sorgt, könnte also zum Beispiel öfter Wasser aus Glasflaschen als aus Plastikflaschen trinken. Wie viel Mikroplastik sich tatsächlich aus PET-Flaschen löst, weiß man aber nicht.

WELT: Mal angenommen, in Studien käme heraus, dass das Mikroplastik uns gar nicht schadet. Ist dann alles gut?

Zarfl: Das würde ich nicht sagen. Es bliebe eine gesellschaftliche Frage, wie wir mit unserem Abfall umgehen. Das ist auch eine ethische Frage. Denn mal abgesehen von Mikroplastik ist inzwischen klar, dass Plastik in der Umwelt Schaden anrichten kann. Die lange Haltbarkeit von Plastik ist sein größter Vorteil und gleichzeitig sein größter Nachteil. Die Auswirkungen in der Zukunft sind noch völlig unklar. Nicht nur für die Umwelt, sondern auch die Langzeitfolgen für Menschen.

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